Friday, January 13, 2006

Diskutiere die wichtigsten Aussagen der Werke „Die Gabe“ von Marcel Mauss und „Rites de Passage“ von Arnold Van Gennep. Wie sind die beiden Autoren im Kontinuum ausgehend vom Durkheim’schen Werk bis zum Strukturalismus einzuordnen?


Ich möchte zu Beginn den Einfluss Durkheims auf Marcel Mauss und Arnold van Gennep skizzieren. Nach einem sehr kurzen Lebenslauf der beiden Ethnologen möchte ich die Aussagen ihrer Hauptwerke besprechen, am Schluss noch ein kurzes Wort zu ihren Schülern und ihrem Einfluss auf den Strukturalismus anfügen.


Durkheim beeinflusste Mauss und van Gennep auf unterschiedliche Weise.
Marcel Mauss, Neffe und Schüler Durkheims, war seinem Onkel auch ideologisch nahe, dennoch gab es Punkte der Uneinigkeit. Er kritisierte den Durkheim’schen Ansatz, die Lösung von Gegenwartsproblemen in Strukturen der „Primitivgesellschaft“ und Ursprüngen der Religion zu suchen.[1] Ebenso befand er die Gegenüberstellung von organischer der (nur) mechanischen Solidarität ungenügend und schuf mit seiner „Differenzierung sozial determinierter Transaktionsformen die Grundlage zur Wirtschaftsethnologie nicht-industrialisierter Gesellschaften“. [2]
Dennoch verwendete er Durkheims System, er entwickelte es weiter und füllte die Lücken.
Arnold van Gennep stand immer außerhalb Durkheims Wirkungskreis. Gennep kritisierte sein Gesellschaftsbild, das dem Individuum jede Art von Eigeninitiative abspricht und von einer gesellschaftlichen Determinierung ausgeht. Weiters verurteilte er die Abstufung ursprünglicher Gesellschaften aufgrund ihrer Technologisierung, Gennep meint, dass Durkheim die oft äußerst komplexen Glaubensstrukturen und sozialen Mechanismen außer Acht lässt.


Marcel Mauss – Lebenslauf

Marcel Mauss wurde am 10. Mai 1872 in Epinal geboren. Er studierte Philosophie, Psychologie, Jus und Soziologie an der Université de Bordeaux, wo damals sein Onkel Émile Durkheim lehrte. 1902 zog er nach Paris und unterrichtete an der Ècole Pratique des Hautes Ètudes, später am Institut d’Ethnologie und am Collège de France.
Gemeinsam mit Durkheim gründet er die Zeitschrift L'Année Sociologique. Mauss arbeitete eng mit seinem Onkel zusammen, wenn er auch stärker empirisch arbeitete.
Nach dem 1. Weltkrieg, in dem die meisten der ehemalige Gruppe um Durkheim gestorben waren, bildete er eine neue Generation von Soziologen und Anthropologen aus, deren wichtigste Vertreter Claude Lèvi-Strauss und Louis Dumont sind.
In den letzten Jahren seines Lebens zog sich Mauss mehr und mehr zurück, zwangspensioniert von den Nazis und geschockt von deren Belagerung, versank er in Schweigen und verstarb 1950 in Paris.[3]

„Essay sur la don“ 1925

Dieses Werk zählt zu den einflussreichsten Werken der gesamten Anthropologie.
Es behandelt den Austausch in archaischen Gesellschaften, der in der Verpflichtung des Gebens, Nehmens und Erwiderns liegt. Er erörtert die moralischen und religiösen Ursachen, indem er die Gesellschaft als Ganzes, die sozialen Phänomene in ihrer Totalität annimmt.
Mauss bezieht sich auf viele Quellen, er beschreibt das Austauschen von Gaben in unterschiedlichen Erdteilen und Gesellschaften [4], definiert ihre Besonderheiten, vergleicht das Gemeinsame.
Er spricht vom System der totalen Leistungen, in der sich „[...] Leistungen und Gegenleistungen in einer eher freiwilligen Form, durch Geschenke, Gaben [vollziehen], obwohl sie im Grunde streng obligatorisch sind, bei Strafe des privaten oder öffentlichen Krieges.“ [5]
Mauss greift unter anderem zwei sehr bekannte Feldforschungen auf: Zu einem Boas’ Untersuchungen des Potlach-Festes in Nordwestamerika, zum anderen Malinowskys Studie des Kula in den Trobrianden.
Der Potlach ist im Grunde eine soziale Einrichtung. Bei Festen und Riten treffen die Häuptlinge verschiedener Clans zusammen. Der Gastgeber bereitet Geschenke, verteilt sein gesamtes Habe unter seinen Gästen, um sein individuelles Prestige, seine Macht durch die Verschwendung seines Reichtums zu sichern. [6] Nun liegt es an den Gästen, die Einladung zu erwidern, die Geschenke mit gleichwertigen, wenn nicht wertvolleren Gaben zu beantworten.
Der Kula, das Gegenstück zum Potlach, ist mehr als der reine Austausch von Gaben, die keinen wirklichen Wert besitzen. Muschelketten (soulawa) und Armreifen (mwali) werden in gegengleicher Richtung in den Inseln getauscht, wieder gilt das Prinzip des Geschenke machen, Geschenke annehmen und Geschenke erwidern.
„Bei den kleineren Kula nutzt man dagegen die Seereise dazu, um Frachten auszutauschen; auch die Leute von Rang treiben Handel; zahlreiche Dinge werden umworben und ausgetauscht, und vielerlei Beziehungen knüpfen sich unabhängig vom Kula an; doch stets bleibt dieser das Ziel, das entscheidende Moment jener Beziehungen.“ [7]

Das System der totalen Leistung bildet die älteste Form der Wirtschafts- und Rechtsordnung, auf ihr begründet sich die Moral des Geschenkaustauschs. [8] Sie beruht weder auf ausschließlich freier und kostenloser Leistung, noch des ausschließlich eigennützigen und utilitaristischen Produzierens und Austauschens. [9]
Es geht nicht nur um den Austausch von Dingen, die soziale Komponente wiegt viel schwerer. Es sollen Bündnisse, Verträge, Nachbarschaften, Freundschaften aufrechterhalten werden, der Zusammenhalt des Clans, die Gemeinschaft wird gestärkt.
Mauss sieht auch in unserer Gesellschaft noch Teilelemente dieser Wertvorstellung, doch meint er, würde es nicht schaden, unsere Rechts- und Wirtschaftsbegriffe einer Prüfung zu unterziehen.
Mauss betrachtet das Phänomen als Ganzes, das heißt Kula, Potlatsch und andere Formen des Schenkens, eingebettet in das totale gesellschaftliche Erscheinungsbild, und erkennt die Notwendigkeit, die ihr Tun bedingt. „Volles Vertrauen oder volles Misstrauen“ – die Menschen haben gelernt, zu verzichten und „sich dem Geben und Nehmen zu verschreiben“. [10]


Arnold Van Gennep – Lebenslauf

Van Gennep wurde am 23. April 1973 in Ludwigsburg geboren, wuchs in Savoyen auf und hatte nur kurze Zeit einen Lehrstuhl in einer Schweizer Universität inne. Er beherrschte viele europäische Sprachen und ihre Dialekte, machte Feldforschungen in Europa, konzentrierte sich später aber auf Frankreich.
Er stand immer etwas abseits in der französischen Anthropologie, heftige Kritik von seiten Durkheims und Mauss’ führten dazu, dass seine Werke vernachlässigt wurden.
Sein bekanntestes Werk „Les rites de passage“ schuf ein noch immer aktuelles Instrumentarium, um Riten betrachten und verstehen zu können.
Van Gennep verstarb 1957 in Bourg-la-Reine. [11]


„Les rites de passage“ 1909

Rituale sind universelle Dinge. Sie unterscheiden sich vom Alltag in Form und Inhalt, sie sind wiederkehrende Handlungsabläufe. Es sind Veränderungen im Leben eines Individuums, die die Gesellschaft mitbeeinflussen, es sind Grenzüberschreitungen, die den sozialen Status, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gesellschaftsgruppe, das Wechseln in einen anderen Lebensabschnitt bedingen. Sie stellen eine Gefährdung, eine mögliche Störung der Sozialordnung da und werden daher zum Schutz von Riten begleitet. Diese Riten nennt Van Gennep Übergangsriten. [12]
Riten sind notwendig. „Ihre Funktion ist die Kontrolle der Dynamik des sozialen Lebens, ihre Form die Dreiphasenstruktur: Auf die Trennungsphase, die vom früheren Ort bzw. Zustand löst, folgt die Schwellen- bzw. Umwandlungsphase, in der man sich gleichsam zwischen zwei Welten befindet. Den Abschluß bildet die Angliederungsphase, die den neuen Ort bzw Zustand integriert.“ [13]
Van Gennep untersucht anhand unzähliger Beispiele aus der ganzen Welt die unterschiedlichsten Riten, die aber meist zu den selben Anlässen und aus vergleichbarer Motivation geschehen. So beschreibt er Übergangsriten zur Eingliederung von geographisch Fremden in eine Kultur, bei räumlichen Übergängen/Übertretungen, bei Schwangerschaft und Niederkunft. Er zeigt Geburts- und Kindheitsriten, Initiationsriten, Verlobungs-, Heirats- und Bestattungsriten.
So unterschiedlich die Beispiele auch sind, die Dreiteilung der Riten ist immer zu erkennen, manchmal unterscheidet sich die Dauer der einzelnen Phasen, in seltenen Fällen ist auch die Übergangsphase noch unterteilt, aber das Grundkonzept bleibt bestehen.
So wie Mauss will auch van Gennep vergleichen und erklären. Mit Hilfe all diese zahlreichen Beispiele lässt er Unterschiede und Ähnlichkeiten klar werden, aber anstatt zu verallgemeinern betrachtet er die Gesellschaft als „dynamisch-funktionale Ganzheit“[14]
Riten sind in jeder Gesellschaft zu finden, nicht nur bei den „Halbwilden“, wie sie Van Genne nach englischer Evolutionisten-Terminologie nennt, sondern auch in der unsrigen, und sie weisen „trotz der Vielfalt ihrer lokal ausgeprägten Form die gleichen wesentlichen Merkmale“ auf. [15]

Marcel Mauss’ wichtigste Schüler waren Claude Lèvi-Strauss und Louis Dumont.
Lèvi-Strauss beschäftigte sich mit Mythos und sozialen Banden, er entwickelte das System der einfachen binären Strukturen, in denen Kultur und Natur immer einen Gegensatz bilden, und war entscheidend für die Entwicklung des Strukturalismus verantwortlich. Dumont beschäftigte sich ebenfalls mit sozialen Banden, sprach aber von komplexen hierarchischen Strukturen und von Holismus.
Arnold van Genneps Nachfolger waren Victor Turner, der die Liminalität (Übergangsphase) weiterentwickelte und Edmund Leach, der sich ebenfalls weiter mit Riten auseinandersetzte.


[1] vgl Henning Ritter in Mauss, Marcel 1990. Die Gabe. Frankfurt am Main. Suhrkamp Verlag. 194. Im folgenden zitiert als Mauss, Gabe
[2] Gingrich, Andre 1999. Erkundungen. Wien. Böhlau. 187
[3] vgl.: http://www.kfunigraz.ac.at/sozwww/agsoe/lexikon/klassiker/mauss/31bio.htm 11.1.2006
Parkin, Robert in: Barth, Frederik, Gingrich, Andre, Parkin, Robert, Silverman, Sydel 2005. One discipline, four ways: British, German, French and American anthropology. Chicago. Chigago University Press. 186. Im folgenden zitiert als Parkin, Discipline
http://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Mauss 11.1.2006
[4] Polynesien, Melanesien, Nordwestamerika
[5] Mauss, Gabe 22
[6] vgl. Mauss, Gabe 81-119
[7] Mauss, Gabe 56
[8] vgl. Mauss, Gabe 164
[9] vgl. Mauss, Gabe 168
[10] Mauss, Gabe 180
[11] http://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_van_Gennep 11.1.2006
[12] vgl. Nachwort von Sylvia M. Schomburg-Scherff in Van Gennep, Arnold. 1999. Übergangsriten. Frankfurt am Main. Campus Verlag.239 Im folgenden zitiert als Gennep, Übergangsriten
[13] Nachwort von Sylvia M. Schomburg-Scherff in Gennep, Übergangsriten 239
[14] Nachwort von Sylvia M. Schomburg-Scherff in Gennep, Übergangsriten 236
[15] Nachwort von Sylvia M. Schomburg-Scherff in Gennep, Übergangsriten 240

Friday, November 25, 2005

Welche Spezifika seines Werkes machen Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der anthropologischen (bzw sozialwissenschaftlichen) Theorienbildung des 20 Jahrhunderts? Worin bestehen die Neuerungen im Denken Durkheims, die spätere Forschungsrichtungen inspirierten?

Durkheim

Um diese Fragestellung im gewünschten Rahmen zu beantworten, werde ich kurz auf Durkheims Biographie und seinen nachwirkenden Einfluss eingehen, etwas ausführlich seine Werke und Theorien darstellen.

1. Biographie

Émile Durkheim wurde am 15. April 1858 in Épinal (Frankreich) als Sohn eines Rabbiners geboren, distanzierte sich dann aber während seiner Ausbildung in Paris vom Judaismus. Er studierte Philosophie, lehrte einige Zeit an einem Gymnasium und unterbrach schließlich seinen Schuldienst zwecks Studium der Soziologie und Pädagogik in Deutschland. 1887 erhielt er einen Lehrauftrag für Sozialwissenschaften in Bordeaux und 1896 wurde eigens für ihn ein Lehrstuhl für Sozialwissenschaften eingerichtet.
1988 gründete er die Zeitschrift „L’année sociologique“.
1902 nahm er die Lehrtätigkeit an der Sorbonne auf. Am 15. November 1917 verstarb Durkheim an einem Schlaganfall in Paris. [1]

2. Zu Werk und Idee

Émile Durkheim war in seinem Denken revolutionär. Zwar zählte er zu den Armchair-Anthropologen, doch entwickelte er komplett neue Methoden, Kulturen und Gesellschaften zu betrachten. Er gilt als Gründer der Soziologie und – gemeinsam mit Morgan, Tyler, Malinowsky und Mauss – auch der Anthropologie und dominiert noch immer die französischen Sozialwissenschaften. [2] Beeinflusst wurde er von Montesquieu, Saint-Simon, Comte, Numa Denis Fustel de Coulanges und W. Robertson Smith; Durkheim befasste sich mit Kants Philosophie, Anstöße erhielt er von Charles Renouvier. [3]
Durkheim beschäftigte sich sehr intensiv mit der Beziehung zwischen Gesellschaft und Individuum und der Rolle, die Religion dabei spielt.

Religion – Sakral – Profan
„Les formes élementaire de la vie réligieuse”, erschienen 1912.
„Durkheim came to see the sacred as equivalent to social ideology, and indeed to society itself seen as the embodiment of a set of values. God was simply society’s representation of itself in symbolic form; in worshipping God, one was worshipping society, and through it oneself as a member of it.” [4]
Im Gegensatz zur britischen Anthropologie, die den Ursprung der Religion als Produkt der Hilflosigkeit des Menschen gegenüber Naturgewalten und des Todes erkannte und somit behauptete, dass sie eine Erfindung des menschlichen Verstandes eines Individuums sei, vertrat Durkheim die Theorie, dass Religion ein Phänomen der Gesellschaft sei, das Werte, Moral und das Gefühl von Einheit und Zusammengehörigkeit vermittle.
Mit Hilfe von Symbolen, die soziale Werte angeben, übt die Gesellschaft Macht über das Individuum aus. Menschen werden nach religiösen Kategorien konditioniert, sie sind gar nicht fähig, solche Ideengebäude selbst zu entwerfen.
Religion besitzt vier Eigenschaften:
sie ist zwingend: da sie die Menschen mit Sanktionen bedroht;
sie ist öffentlich: da sie die Leute zusammenbringt, auf die sie den selben Einfluss ausübt;
sie ist traditionell: da sie vor der Geburt und nach dem Tod des Gläubigen existiert;
sie ist extern: darum kann sie auf das Individuum wirken.
Der religiöse Glaube und die praktische Umsetzung geben die sozialen Werte an.
Weiters meint Durkheim, dass das Ritual stärker sei als der Glaube, es erzeugt Emotionen und verbindet die Menschen.
Heilig sind die in Symbolen verschleierten gesellschaftlichen Werte, die durch das Profane gefährdet werden, das sich durch destruktive, egoistische Handlungen gegen die Gesellschaft wie Sünde, Kriminalität, etc. ausdrückt. [5]

Gesellschaftliche Solidarität
„De la division du travail social: etude sur l’organisation des sociétés supérieures”, erschienen 1893.
Die Gesellschaft ist mehr als die Summe der Individuen und sie kann nicht mit biologischen oder psychologischen Begriffen erklärt werden.
Durkheim unterscheidet zwischen zwei Formen der Solidarität:
Mechanische Solidarität
Die ursprünglichen Gesellschaften waren ökonomisch voneinander unabhängig, Sippen und Clans lebten räumlich getrennt, jedes Mitglied beherrschte die zum Leben notwendigen Arbeiten, somit bestand absolute Unabhängigkeit. [6] Zusammenhalt gewährleisteten moralische und rituelle Werte, Religion einte staatenlosen Gesellschaften.
Organische Solidarität
In den industrialisierten Staaten herrscht das Prinzip der Arbeitsteilung. Jedes Mitglied der Gesellschaft hat sich in einem Bereich spezialisiert, somit besteht Abhängigkeit zwischen den Menschen, die Solidarität verlangt, ein Geflecht aus Ursache und Wirkung. [7]
Es gibt identifizierbare Machthaber und unterschiedliche Moral und Ritualvorstellungen.

Suizid
„Le Suizide: étude de sociologie“, erschienen 1897.
Emile Durkheim unterscheidet in vier Haupttypen des Selbstmordes.
Der egoistische Suizid beruht auf der übermäßigen Individuation, dem übermäßigen „exzessiven“ Individualismus. Er „variiert im umgekehrten Verhältnis zum Grad der Integration der sozialen Gruppen, denen der einzelne angehört“ [8]. Kriege und Revolutionen bilden Ausnahmen, da in diesen Umbruchssituationen der Zusammenhalt der Gesellschaft stärker ist.
Durkheim meint mit dieser Theorie auch die höhere Selbstmordrate der Protestenten erklären zu können: Im Gegensatz zu den Katholiken, sind sie individuell unabhängiger in ihren religiösen Pflichten und Überzeugungen. Verwitwete Männer weisen auch eine höhere Selbstmordrate auf, da sie gesellschaftlich isoliert sind.
Der anomische Suizid ist Resultat der Normlosigkeit der modernen Gesellschaft. Durch unklare Vorstellungen über gesellschaftliche Zwecke, passiert ein Verlust der Orientierung, die Menschen begehen Selbstmord, weil „...ihr Handeln regellos wird und sie darunter leiden.“ [9].
Auch der ökonomische Wachstum fördert eine Auflockerung der sozialen Normen und folgert einen Anstieg der Selbstmordrate. So können Menschen, die durch wirtschaftliche Turbulenzen plötzlich reich oder arm geworden sind, diesen Zustand nicht verkraften, ebenfalls problematisch erscheint ihm das Schicksal geschiedener Männer. Da die Trennung von der Ehefrau ein Hauptgrund für den Selbstmord der Männer zu sein scheint, schlägt Durkheim vor „die Ehe unauflösbar zu machen“ Das würde bedeuten, dass „auf diese Weise die Zahl der Selbstmorde von Ehemännern abnimmt, die der Frauen dagegen zunimmt.“ Und Durkheim fragt, ob es wirklich notwendig ist, eines der beiden Geschlechter zu opfern, und „gibt es nichts anderes, als zwischen den beiden Übeln das kleinere zu wählen?“ [10].
Der altruistische Selbstmord bezeichnet einen Suizid, ausgelöst durch eine zu schwach entwickelte Individualität, dieser Typ wird aber immer seltener.
Die letzte Form des Selbstmordes nennt sich fatalistischer Suizid, er entspringt zu engen sozialen Normen, wenn kein Gleichgewicht zwischen Gesellschaft und Individuum herrscht. Ein Beispiel dafür sind Märtyrertode und Sklavenselbstmorde.
Durkheims Theorien sind rein soziologischer Natur, er meinte, dass nur diese empirisches Fundament darstellen.
„Durkheim hielt dafür, dass die soziale Selbstmordrate, die bei der Konstanz eines sozialen Gefüges auch relativ konstant ist, nur soziologisch zu erklären ist und dass auch der einzelne Selbstmord aus sozialen Gesetzmäßigkeiten folgt.“ [11]

Methoden der Soziologie
„Les régles de la méthode sociologique“, erschienen 1895.
„Durkheim entwickelte eine soziologische Methode, die soziale Phänomene als selbstständige Größen betrachtet, die sich nicht auf psychologische Phänomene reduzieren lassen.“[12]
Er sah sich als Rationalist, dennoch vertrat er die Meinung, dass die Existenz von logischen Verbindungen zwischen Ideen nur durch Empirismus zu beweisen ist. [13]
So meinte er auch, dass Religion ein soziologischer Tatbestand [14] sei und dieser nur durch andere soziologische Tatbestände erklärt werden könne. [15] Anders ausgedrückt, soziale Fakten können nur durch soziale Fakten definiert werden, nicht durch Naturgesetze oder Individualpsychologie.

„L’année sociologique“
Durkheim gründete 1898 diese erste interdisziplinäre Zeitschrift, die als Organ der Verbreitung der neuen Soziologie und als Grundlage der Durkheim –Schule funktionierte.
Besonders war, das Beiträge aus den unterschiedlichsten Disziplinen vorgestellt wurden, die Grundlage für viele weitere Forschungen waren.

3. Was geschah danach?

Anhand der vorhergehenden, kurzen Erläuterungen wird deutlich, dass Durkheim ganz neue, richtungsweisende Theorien entwickelt hatte, die nicht ohne Folgen bleiben sollten. Er hatte sowohl Einfluss auf den britischen Funktionalismus, seine Konzepte von Struktur und kollektiven Ideen wirkten nachhaltig auf Radcliffe-Brown. [16] Nach dem II. Weltkrieg machte eine Reihe von Anthropologen (Radcliffe-Brown, Evans-Pritchard, Rodney Needham, David Pocock) in Oxford durch ihre Verwendung und Übersetzung von Durkheims Werken die Ideen Durkheims wieder bekannter.[17]
Durch Marcel Mausse, Durkheims Neffen und Forschungspartner, lebten seine Ideen im Strukturalismus weiter.
Auch René Königs „Kölner Schule“ orientierte sich an Durkheim. [18]
„Revivals began to occur in the 1960s and 1970s. The first was due to the work of the anthropologist, Lévi-Strauss, who became very much the philosophe of his day and whose thought was strongly influenced by Durkheim.”[19]
Ein weiterer Grund für das Wiederaufkommen von Durkheimschen Ideen war Durkheims demokratisch-liberaler Humanismus, der nach dem Zerfall des Ostblocks und dem Niedergang des Marxismus wieder populär wurde. [20]


[1] vgl.:
http://www.kfunigraz.ac.at/sozwww/agsoe/lexikon/klassiker/durkheim/12bio.htm 19.11.05 und
http://de.wikipedia.org/wiki/Emile_Durkheim 19.11.05
[2] vgl.: Gingrich, Andre 1999. Erkundungen. Wien. Böhlau. 182. Im folgenden zitiert als Gingrich, Erkundungen
[3] vgl.: Parkin, Robert in: Barth, Frederik, Gingrich, Andre, Parkin, Robert, Silverman, Sydel 2005. One discipline, four ways: British, German, French and American anthropology. Chicago. Chigago University Press. 172. Im folgenden zitiert als Parkin, Discipline
[4] Parkin, Discipline 173
[5] vgl.: Parkin, Discipline 173-176
[6] vgl.: http://infosoc.uni-koeln.de/fs-soziologie/texte/MakroSS98/Durkheim_Arbeitsteilung.htm 19.11.05
[7] vgl.: http://www.philosophenlexikon.de/durkheim.htm 19.11.05
[8] Durkheim, Emile 1983. Der Selbstmord. Berlin. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 232 Im folgenden zitiert als Durkheim, Selbstmord
[9] Durkheim, Selbstmord S. 296
[10] Durkheim, Selbstmord S. 457
[11] Leser, Norbert 1980. Jenseits von Marx und Freud. Studien zur philosophischen Anthropologie. Wien. 86.
[12] http://www.philosophenlexikon.de/durkheim.htm 19.11.05
[13] vgl.: Parkin, Discipline 180
[14] Definition für „soziologischer Tatbestand”: „Man gebraucht ihn hergebrachterweise, um beinahe alle Erscheinungen zu bezeichnen, die sich in der Gesellschaft vollziehen, wenn sie nur ein Mindestmaß an sozialem Interesse mit einer gewissen Allgemeinheit vereinigen.“ In: Durkheim, Émile 1980. Regeln der soziologischen Methode. Darmstadt. Luchterhand.105
[15] vgl.: Parkin, Discipline 178
[16] vgl.: Gingrich, Erkundungen 182
[17] vgl.: Hrsg. Pickering, W.S.F. 2002. Durkheim Today. Durkheim Press. Berghahn Books. 11
[18] vgl.:
http://de.wikipedia.org/wiki/Emile_Durkheim 19.11.05
[19] Hrsg. Pickering, W.S.F. 2002. Durkheim Today. Durkheim Press. Berghahn Books. 11
[20] vgl.: Hrsg. Pickering, W.S.F. 2002. Durkheim Today. Durkheim Press. Berghahn Books. 13

Wednesday, November 02, 2005

hallo. guten tag.
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